Der Rattfratzfänger von Hamburg

Kennst du das, wenn man sich draußen von A(rbeit) nach B(ett) bewegt und seine Umgebung sehr genau beobachtet, weil man möglicherweise Teil davon ist und Rücksicht nehmen sollte? Nein? Ich schon. Zu deinem Glück.

Sicher, es reicht, wenn die Hälfte der Beteiligten umsichtig ist. Fürs erste. Und so stehst du da, Kevin-Johannes-Skywalker, auf meinem Fahrradweg, und versuchst ein animiertes Taubsi in eine animierte Plastikkugel zu bewegen und bist ebenso taubsi für deine Umwelt.

Versteh mich nicht falsch, ich bin absolut dafür, dass Menschen die Welt nach jahrelanger Abstinenz erkunden und entdecken, aber dann bitte mit allen Sinnen, neben dem puren Unsinn. Ich verstehe auch den Reiz des Sammelns, aber ich möchte mich nicht ungewollt in die Pokémonsammler-Jäger-position begeben.

Wie soll ich deiner Mama, die sich jahrelang bemüht hat, dich mithilfe von Kindersicherungen an Steckdosen, glutenfreien Keksen und Stoppersocken davor zu bewahren, dich in deinem kindlichen Übermut selbst umzubringen, erklären, dass das Selektionsprinzip Darwins nun doch zugeschlagen hat?

Die Welt da draußen ist gefährlich, Kevin-Johannes-Skywalker. Sie bietet mehr Gefahren, als die Möglichkeit über ein Controllerkabel zu stolpern und sich das Genick zu brechen. Vielleicht beherrschst du die Arenen und bist der Kingkong aller Pokémänner, aber du kannst nicht neu starten, wenn a wild Ann-Sophie aus dem Nichts auf ihrem Fahrrad appears und dich erst einmal umgenietet hat. Dann ist nämlich rattfratz Game over.

Sanduhrhose oder auch die Stimme meiner Oma

 

Wenn meine Oma ein Kleidungsstück im Laden (gut) fand, kaufte sie das häufig in allen zur Verfügung stehenden Farben. Man könnte ja auf fremden Sofas sitzen und sich mit der Farbe beißen. Oder das neugekaufte Stück passt farblich nicht zu der zigten Übergangsjacke,die auch in mindestens vier verschiedenen Farben zur Verfügung stand und nochmal in den Pastelltönen der Saison.

 

 

Meine Oma war Meisterin des Farbenmatchings. Lippenstift passte zum Halstuch passte zur Jacke, passte zu den Schuhen. Auch Müllrunterbringen ging nicht ohne passenden Lippenstift zum Müllbeutel. Der Inbegriff von adrett. Aber nicht Oma-adrett, sondern flott-adrett. Und das Konzept wurde voll und ganz von ihr vertreten. Sobald ich Klamotte erwarb, konnte ich mich darauf verlassen bei ihr Unterstützung für einen weiteren Kauf zu erhalten: „Das ist aber schick, kauf dir das doch nochmal in grün.“ Oma knows best.

Aber ich nähe eher selten Schnitte zweimal, das reizt mich eigentlich nicht so. Aber seitdem ich schon zweimal traurig mit mitrotierenden Augen vor der laufenden Waschmaschine stand, weil die Birnenhose darin vor sich hin schäumte, hörte ich auf die Stimme meiner Omi. Und habe noch eine in Blau genäht. Für Oma. Grüße gehen hoch.

Nach auf der Skala von liebevollen bis scharfen Protesten alles dabei gegen meine Bezeichnung für die Birnenhose, mit den ebenfalls liebevollen bis scharfen Hinweisen ich sei definitiv kein Obst, habe ich die Hose trotzdem nochmal genäht. Also: Gleicher Schnitt, anderer Stoff, andere Bezeichnung. Sanduhr passt ja auch besser zu dem Konzept der Bilder.

Diesmal ein bisschen robuster und bodenständiger, aus marinefarbenem gewaschenen Twill mit Stretchanteil. Den gleichen in Rost habe ich in der Anlassiris vernäht. Der fällt ein bisschen steifer als der Stoff der Birnenhose. Max findet, wie er mir so liebevoll und charmant mitteilte, wie ein Müllsack, ich finde wie eine Hose, wie die Arbeiter auf dem Bild "Lunch atop a Skyscraper" tragen. Ein Müllsack glänzt schließlich!

 

Der Unterschied bei dieser Hose ist, dass der Stoff mehr Stand hat und dadurch größere Falten wirft und ein bisschen aufträgt. Aber als ehemalige Baggyhosenträgerin stört mich das wenig.

Der Schnitt ist wieder der Männerschnitt von Stoff und Stil, ich habe die gleichen Änderungen vorgenommen wie das letzte Mal: Jeweils eine Kellerfalte links und Rechts vorne und schon ist sie auf Taille tragbar.

Die Fotos hat wie immer der Lieblingsfreund, noch auf Teneriffa, gemacht und seitdem liegen sie  unverbloggt bei mir herum. Zum letzten Termin vor der Sommerpause des MeMadeMittwochs  zum Thema "Ich packe meinen Koffer" habe ich sie erstmal entsandet. Zwar treffe ich das Thema nur im Perfekt, aber Vergangenheitsformen zählen ja hoffentlich auch.

Die Anlassiris oder auch die viel-Kleid-um-nichts-Situation

Man sagt ja, je schlechter man sich fühle, desto besser solle man sich anziehen. Aber anstatt in meinem seidenen Ballkleid in der Bibliothek meine Bachelorarbeit zu schreiben, habe ich mich jedes Mal in meine Ausgehjogginghose geworfen und mir meine Haare zu etwas ähnlichem wie einer Frisur zusammengedödelt. Ich bin ja tendenziell eine große Verfechterin der Anlasskleidung, fühle mich aber gleichzeitig schnell overdressed. In meinem Schrank hängen diverse Stücke, die ich allerdings nur anziehe, wenn ich einen Anflug von „jetzt bin ich mal Prinzessin“ habe. So ein Abwasch zum Beispiel, ist viel spannender wenn man sich dafür schick gemacht hat und das Spiel „wenn da ein Fleck draufkommt hast du mehr als verloren“ spielt. Hier überwiegt also die sogenannte „viel Kleidung, wenig Anlass“- oder auch die „Viel Kleid um nichts- Situation.“

Im Mai kam er dann, der Anlass. Ich lebte bis dato mit der fröhlichen Gewissheit, mit meinen zwei Cousins beide Konfirmationen, die meine Anwesenheit verlangten glücklich überstanden zu haben, bis ich vielleicht irgendwann mal eigene zu konfirmierende Kinder habe (nur habe ich dann auch selber Schuld). Aber ich habe nicht mit dem Herzmensch und seiner konfirmationsbereiten Familie gerechnet. Den Anlass nahm ich zum Anlass mir ein weiteres Anlassteil zu nähen, allerdings mal eins mit der Option auch mal Sandalen dazu anzuziehen und ein Sommerteil zu haben, ohne dabei direkt auszusehen wie die Ballkönigin, nur mit Flipflops.

(Zum Thema abwechslungsreicher Wortschatz: Wer jetzt auf jeden „Anlass“ einen Schnaps trinkt, darf zwar nicht mehr Autofahren, aber der Alltag geht dafür leichter und lustiger von der Hand.)

Meine absolute Neuentdeckung ist das neuerdings auch in der deutschen Version erhältlichen Näh- und Strickmagazin„La Maison Victor“, das mich im besten Stoffladen angesprungen hat. Nichts mit Schleichwerbung, das ist eine völlig aufdringliche Empfehlung, die auf Empirie meinerseits beruht. Die März/April Ausgabe fand ich eher mittelspannend aber die Mai/Juni Ausgabe hatte mich dann. Und ich dann sie - im nächsten Schritt.

Der Schnitt ist der Hosenanzug Iris. Zwar sieht hat man sich auch hier mit diesem blöden Schnittübertragen konfrontiert, was mir wirklich am Meisten widerstrebt, wirklich, wer hat sich das bloß ausgedacht? Aber das Magazin kommt mit vier doppelseitig bedruckten Bögen daher, die genug Raum zur Erkennung von allen Teilen haben und nicht aussehen wie New York von oben bei Nacht. Ich musste mir noch nicht einmal mein kleines Schwarzes anziehen, so erträglich war das Übertragen des Schnittes.

Meine Iris ist aus einem angerauten Stretch Twill genäht. Ein sehr angenehmes Näherlebnis, der Stoff verzeiht relativ viel und hat genug Stand, dass der sich super stecken und nähen lässt. Auch der spätere Koffertransport war gar kein Problem, ich konnte den Anzug auf einem Bügel mit ins Bad hängen während ich geduscht habe und dann war er wieder tragbar.

Die Anleitung war super. Sehr verständlich über mehrere Seiten und mit Zeichnungen, sodass ich keinerlei Probleme hatte und wahrscheinlich auch für Näherinnen mit weniger Näherfahrung gut machbar. Zwei Punkte gab es allerdings, zu denen ich wutbürgern könnte, aber für das nächste Mal dann weiß: Es waren bei der angegebenen Stoffmenge am Ende 50 cm bei voller Breite über und ich habe noch nicht einmal mühevoll gepuzzelt, sondern mit geschlossenen Augen die Schnittteile auf den Stoff geworfen und ausgeschnitten. Zumindest gefühlt. Zweitens hätte ich gut eine Größe kleiner nähen können. Ich bin ja eher so gar nicht die Probeteiltante und fahre allgemein recht gut damit aber dieser Schnitt fällt trotz Maßtabelle recht groß aus. Ich habe in der Taille auf jeder Seite 4 cm wegnehmen müssen und auch in den Armausschnitten jeweils 3 cm, weil die unter den Achseln wie kleine Flügelchen abstanden. Das soll mich aber nicht abhalten, in der Ausgabe warten noch mindestens zwei weitere Schnitte, die ich auf jeden Fall in nächster Zeit nähen werde.

 

 

 

 

Und weil heute Mittwoch ist, ist das ein Anlass für den MeMadeMittwoch, bei dem auch heute wieder der Showdown für Selbstgenähte Kleidung stattfindet.