Die Anlassiris oder auch die viel-Kleid-um-nichts-Situation

Man sagt ja, je schlechter man sich fühle, desto besser solle man sich anziehen. Aber anstatt in meinem seidenen Ballkleid in der Bibliothek meine Bachelorarbeit zu schreiben, habe ich mich jedes Mal in meine Ausgehjogginghose geworfen und mir meine Haare zu etwas ähnlichem wie einer Frisur zusammengedödelt. Ich bin ja tendenziell eine große Verfechterin der Anlasskleidung, fühle mich aber gleichzeitig schnell overdressed. In meinem Schrank hängen diverse Stücke, die ich allerdings nur anziehe, wenn ich einen Anflug von „jetzt bin ich mal Prinzessin“ habe. So ein Abwasch zum Beispiel, ist viel spannender wenn man sich dafür schick gemacht hat und das Spiel „wenn da ein Fleck draufkommt hast du mehr als verloren“ spielt. Hier überwiegt also die sogenannte „viel Kleidung, wenig Anlass“- oder auch die „Viel Kleid um nichts- Situation.“

Im Mai kam er dann, der Anlass. Ich lebte bis dato mit der fröhlichen Gewissheit, mit meinen zwei Cousins beide Konfirmationen, die meine Anwesenheit verlangten glücklich überstanden zu haben, bis ich vielleicht irgendwann mal eigene zu konfirmierende Kinder habe (nur habe ich dann auch selber Schuld). Aber ich habe nicht mit dem Herzmensch und seiner konfirmationsbereiten Familie gerechnet. Den Anlass nahm ich zum Anlass mir ein weiteres Anlassteil zu nähen, allerdings mal eins mit der Option auch mal Sandalen dazu anzuziehen und ein Sommerteil zu haben, ohne dabei direkt auszusehen wie die Ballkönigin, nur mit Flipflops.

(Zum Thema abwechslungsreicher Wortschatz: Wer jetzt auf jeden „Anlass“ einen Schnaps trinkt, darf zwar nicht mehr Autofahren, aber der Alltag geht dafür leichter und lustiger von der Hand.)

Meine absolute Neuentdeckung ist das neuerdings auch in der deutschen Version erhältlichen Näh- und Strickmagazin„La Maison Victor“, das mich im besten Stoffladen angesprungen hat. Nichts mit Schleichwerbung, das ist eine völlig aufdringliche Empfehlung, die auf Empirie meinerseits beruht. Die März/April Ausgabe fand ich eher mittelspannend aber die Mai/Juni Ausgabe hatte mich dann. Und ich dann sie - im nächsten Schritt.

Der Schnitt ist der Hosenanzug Iris. Zwar sieht hat man sich auch hier mit diesem blöden Schnittübertragen konfrontiert, was mir wirklich am Meisten widerstrebt, wirklich, wer hat sich das bloß ausgedacht? Aber das Magazin kommt mit vier doppelseitig bedruckten Bögen daher, die genug Raum zur Erkennung von allen Teilen haben und nicht aussehen wie New York von oben bei Nacht. Ich musste mir noch nicht einmal mein kleines Schwarzes anziehen, so erträglich war das Übertragen des Schnittes.

Meine Iris ist aus einem angerauten Stretch Twill genäht. Ein sehr angenehmes Näherlebnis, der Stoff verzeiht relativ viel und hat genug Stand, dass der sich super stecken und nähen lässt. Auch der spätere Koffertransport war gar kein Problem, ich konnte den Anzug auf einem Bügel mit ins Bad hängen während ich geduscht habe und dann war er wieder tragbar.

Die Anleitung war super. Sehr verständlich über mehrere Seiten und mit Zeichnungen, sodass ich keinerlei Probleme hatte und wahrscheinlich auch für Näherinnen mit weniger Näherfahrung gut machbar. Zwei Punkte gab es allerdings, zu denen ich wutbürgern könnte, aber für das nächste Mal dann weiß: Es waren bei der angegebenen Stoffmenge am Ende 50 cm bei voller Breite über und ich habe noch nicht einmal mühevoll gepuzzelt, sondern mit geschlossenen Augen die Schnittteile auf den Stoff geworfen und ausgeschnitten. Zumindest gefühlt. Zweitens hätte ich gut eine Größe kleiner nähen können. Ich bin ja eher so gar nicht die Probeteiltante und fahre allgemein recht gut damit aber dieser Schnitt fällt trotz Maßtabelle recht groß aus. Ich habe in der Taille auf jeder Seite 4 cm wegnehmen müssen und auch in den Armausschnitten jeweils 3 cm, weil die unter den Achseln wie kleine Flügelchen abstanden. Das soll mich aber nicht abhalten, in der Ausgabe warten noch mindestens zwei weitere Schnitte, die ich auf jeden Fall in nächster Zeit nähen werde.

 

 

 

 

Und weil heute Mittwoch ist, ist das ein Anlass für den MeMadeMittwoch, bei dem auch heute wieder der Showdown für Selbstgenähte Kleidung stattfindet.