Mein Rauswurf aus dem Club der echten Veganer

Ich ernähre mich jetzt seit eineinhalb Jahren teilzeitvegan. Ich hatte hier und hier bereits ein bisschen darüber erzählt. Es fing alles damit an, dass ich mich fragte, ob ich es schaffen würde, meine Ernährung von Fleischfressende Pflanze auf Müsli-Jochen umzustellen (No offense, Jochen). Mein Ziel war, einen Monat einfach mal zu schauen obs geht, um wenns blöd ist, sich wenigstens auf empirische Erhebungen berufen zu können. Es war aber nicht blöd, ich habeBekanntschaft mit vielen unbekannten Gemüsen und Getreiden gemacht, mit manchen bin ich sogar eine enge Bindung eingegangen. Dem einen strickten Monat folgte ein zweiter und ein dritter und mittlerweile bin ich bei 18 angelangt. Ich habe elf Kilo abgenommen und fühle mich insgesamt eigentlich gesünder und fitter.

Wer jetzt berechtigterweise über das böse "eigentlich" gestolpert ist, der lasse mich das kurz erklären: Ich merke teilweise Mangelerscheinungen. Jetzt gerade habe ich zwei wunderhübsch eingerissene Mundwinkel, die sich höchstwahrscheinlich auf Eisenmangel zurückführen lassen. Linsen und grünes Gemüse soll da Abhilfe schaffen. Auch Nahrungsergänzungsmittel sind eine Möglichkeit. (Steh ich aber nicht so drauf)
Eine zweite Stolperfalle gabs bereits am Anfang des Textes. Auch das "Teilzeitveganer" möchte ich erklären: Ja, ich bin ein schlechter und egoistischer Veganer. Ich mache Ausnahmen. Einmal, wenn ich irgendwo - bei Freunden o.ä. zum Essen eingeladen bin. Ich werde nicht in dem für mich gekochtem Essen herumpicken und mit Pinzettengriff das Ei entfernen. Ich werde nicht mit Naserümpfen fragen, ob denn da Sahne drin ist. Und vor allem werde ich nicht mit erhobenem Zeigefinger auf die entzündeten Euter von Milchkühen hinweisen. Auch wenn die Gefahr besteht, dass Fleisch weggeworfen wird, beispielsweise wenn Freunde sich ein Fleischgericht im Restaurant bestellen, es aber nicht aufessen, dann nehme ich mit gütigerweise dem an. Ich kann das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, dass Tiere für den Müll gestorben sind.
Die dritte Ausnahme ist mein persönliches Wohlbefinden: Wenn ich beispielsweise auf einem Geburtstag sitze, es gibt nur unveganen Kuchen und ich habe das Gefühl, ich verpasse etwas, bzw. schränke mich ein, wenn ich verzichte, dann esse ich Kuchen mit Tier drin. Mein Umfeld weiß, dass ich mich hauptsächlich vegan ernähre und ertappt man mich mit Käsebrot, wird mit großen Augen gefragt: "Ist das Käse? Das ist doch nicht vegan, oder?" Das wiederum treibt meine Augenbrauen in schwindelerregende Höhen.

Sich als Veganer zu bezeichnen, bedeutet anscheinend, tierische Produkte strikt abzulehnen, dies weiterzutragen und instant den Zeigefinger hochzuhalten. Für mich muss es Spaß machen, ich darf mich nicht einschränken, sonst höre ich irgendwann ganz auf. Ich bin der Meinung, jedes tierische Produkt was vermieden wird, ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Es darf für mich aber kein Zwang werden und vorallem muss ich mir nicht von lederschuhtragenden Menschen den Finger durch die Brust bis ins Rückgrad pieksen lassen.
Ich weiß, dass die echten Veganer jetzt einen Schrei der Empörung im Halse stecken haben.Ich weiß, dass meine Ansicht diskutierenswürdig ist. Aber bevor ich mich rechtfertige, investiere ich meine Kraft und Energie lieber in die Fertigung von Besen aus Naturfasern, zwecks veganem Kehren vor der eigenen Haustür.

Gesehen in Altona

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