Turnbank Restauration

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Manchmal findet man Dinge, mit denen man früher Unangenehmes verbunden hat, zu einer späteren Zeit schön. In diesem Fall kann ganz klar von einer Postästhetik gesprochen werden, die gemessen daran, wie schwierig es war, so ein Ding in bezahlbar zu finden, scheinbar nicht nur mich betrifft. Es handelt sich um einen Turnkasten. Der Freund erwähnte, er fände so einen ganz schick. Ich hatte nur meinen Sportlehrer vor Augen, der mit verlässlicher Regelmäßigkeit mit Schaum vorm Mund und Sadismus im Blick händereibend vor uns stand und verkündete, wir würden heute Zirkeltraining machen. Er sah sich das Kaninchen aus dem Hut ziehen und wir sahen ihn das Kaninchen aus dem Hut ziehen. Tot. Ohne Fell. Welches drei Wochen ungekühlt in der prallen Sonne gelegen hatte. Und dann mussten wir unsere Folterinstrumente aus der Kammer holen und aufbauen. Und während er Wurstbrot aß, mussten wir Hockwenden, Liegestütz und Seilspringen machen, und wurden ausgezählt, dass die Krümel nur so flogen. Pädagogisch wertvoll züchtete er so eine Armee von fitten Vegetariern heran, die die Hockwende und das Wurstbrot fürchten lernten und auf keinen Fall wie ihr dicker, fauler, schreiender Sportlehrer werden wollten.
Und jetzt sollte ich mir das Symbol meiner frühkindlichen Foltererfahrung in die Wohnung holen. Aber was tut man nicht alles für den Geburtstagskerl.
Ich habe tatsächlich einen gefunden. Er brachte nur eine mehrjähriges Balkonbehausungstrauma mit in unsere Beziehung. Da diese Spuren hinterlassen hatte, die sich nur mit viel Liebe und Zuwendung wiederherstellen ließ,änderte ich vorerst unseren Status auf „es ist kompliziert“.

Ich habe leider kein Vorher-Foto gemacht. Natürlich nicht. Immer dann wenn es wichtig wäre, gerate ich in eine Art Wahn, der mich scheinbar banale Dinge wie Vorher-Fotos komplett ausblenden lässt, was ich danach bitter bereue. Ich besitze nur ein paar „währenddessen-Fotos“. Aber ich versuche Vorher-Bilder mit meinen Worten zu malen. Man stelle sich ein charmantes Kunstleder als Bezug vor. In der Farbe Camel. Zu dieser Farbe addiere man ein wenig draußen-Pattina und die eingezogenen Kinderkörperflüssigkeiten Schweiß und Tränen, gepaart mit einem Hauch Traurigkeit und Verzweiflung. Die gefühlt fünfhundert Tackernadeln zu lösen um den Kasten von seinem Traum von PVC zu befreien, damit man den Chor der weinenden Kinder nicht mehr im Hinterkopf hört, war meine erste Amtshandlung.
Das schöne Holz mithilfe von einem Tischlerfreund und diversen Schleifern  freizulegen und den Sticker (ja, da war auch ein Sticker auf dem Kasten) gegen einen hellen Fleck zu tauschen die zweite. Das geschliffene Holz habe ich mit Leinölfirnis eingerieben, dadurch wurde es dann wieder ein wenig dunkler.
Die alten ehemals silbernen Schrauben, habe ich gegen messingfarbene Luxusschrauben getauscht(wirklich, ich bin hintenüber gefallen, als ich gehört habe, wie teuer die sind. Ich hätte mir mindestens 1 Paar Schuhe einer angesagten Sportmarke zulegen können. Aber ich wollte die Schrauben. Also just do it!)

Die oberen drei Kästen sind fertig bearbeitet und geölt. Die unteren sind noch in ihrem Ursprungszustand.

Die oberen drei Kästen sind fertig bearbeitet und geölt. Die unteren sind noch in ihrem Ursprungszustand.

Das für mich wichtigste, war der Bezug. Ich bin in den Lederfachhandel gestiefelt und habe mich spontan in einen 2x4-Meter großen Wasserbüffel verliebt. Das Problem an der Sache: erstens brauche ich kein 2x4-Meter großes totes Tier, wirklich nicht und zweitens hätte ich mir für den Wert der Haut, zusätzlich zu den Schuhen die Fabrik inklusive der dazugehörigen Kinder kaufen und eine Produktion aufmachen können. Nicht jede Liebe hat eine Zukunft, dachte ich mir und im Endeffekt wurde es dann ein halbes Rind. Das habe ich mit gefühlt fünfhundert neuen Tackernadeln am oberen Kasten befestigt.
Leder ist ein sehr dankbares Material, es lässt sich in alle Richtungen ziehen und dadurch kann man super kleine Fältchen ausgleichen. Aber leider hängt es sich auch ein bisschen aus. (Ist halt Haut. Meine würde wahrscheinlich auch nicht mehr frisch getackert aussehen, wenn jeden Tag jemand drauf sitzt)
Also falls jemand plant, etwas mit Leder zu beziehen: Von Anfang an ganz stramm ziehen. Und noch ein bisschen strammer.

 


Nachtrag
Falls sich jemand fragt, woher unsere schöne Küchenlampe ist: Wir waren Mitte September auf der Freicycle und da hat Johannes von Jolg ausgestellt.  Johannes macht alte Industrielampen wieder fit und ist auch sonst ein sehr sympathischer Kerl. Wir haben uns supernett mit ihm und seiner Begleitung unterhalten und mussten am Ende diese Lampe kaufen, weil die gut in unsere Küche passt und weil sie schwarze Tropfspuren hat, von denen keiner weiß woher sie stammen. 
Also wärmste Empfehlungen gehen raus. Danke an dieser Stelle an Johannes für das nette Gespräch, den Service und die schöne Lampe!